Help

Portraits & Co., schreibchenweise

Wer bist du?
Das weiß ich nicht genau.
Was machst du dann hier?
Ich bin auf der Flucht.
Vor wem?
Vor dem Tod.
Und warum kommst du ausgerechnet hierher?
Ich wusste nicht, wohin ich sonst sollte.
Warum gehst du nicht woanders hin, siehst du nicht, wie voll es hier ist?
Doch, das sehe ich, aber ich hatte gehofft, einfach nur einen Platz für mich zu finden.
Und wenn man dich hier nicht will?
Darüber habe ich nicht nachgedacht.
Warum nicht?
Weil ich damit beschäftigt war, zu überleben.
Und was willst du jetzt?
Ich möchte nicht nur überleben. Ich möchte leben.

Help by Tana Hell

Ein Schwarm von Und

Pösie für Lieb & Bösi

Ein Schwarm von Vögeln
Und am Boden klebt das Nass
Erinnerungen kreisen
Und Gedanken werden blass

Federn spuckt mein Mund
Und am Boden klebt es rot
Wasserfälle bauschen
Und ein Vogel fällt sich tot

Ein Schwarm von Fischen
Und am Boden klebt ein Wort
Nähe rückt sich fern
Und Stille sehnt sich dort

Seegras tanzt im Licht
Und am Boden kleben Noten
Angst beißt an sich selbst
Und schickt täglich einen Boten

Ein Schwarm von Staub
Und am Boden klebt der Wind
Ich stelle Fragen
Und im Herzen bin ich blind

Muttertag

Pösie für Lieb & Bösi, schreibchenweise

Gezeugt. Geboren. Geliebt.
Nichts ist vergleichbar mit dem, was eine Mutter gibt
Ich habe solches Glück, dass du die meine bist
Auch wenn ich manchmal angepisst
Von dir, von mir, von uns in unserem Kontrast
Weil wir uns so sehr gleichen
Weil wir so von einander weichen
Weil du bist, wie nur du sein kannst
Weil du alles für mich gibst, nie halb, nur ganz
Und ich bin so, so wie ich bin aus dir
Weil ich dich liebe – immer, jetzt und hier
In meiner Seele. Im Kopf. Im Herz.
Du bist mir Liebe, Freud und Schmerz
Gezeugt. Geboren. Immer geliebt.
Nichts ist vergleichbar mit dem, was meine Mutter mir gibt.

Muttertag Lilie

8 Sekunden – so ewig

Pösie für Lieb & Bösi, schreibchenweise

Im Kopf ein Meer aus Fragen
Die Perücken tragen
Sich in falschen Fummeln winden
Und keinen Ausgang finden
Stolpernd durch die graue Masse treiben
Ohne Sinn –
Bleiben

Im Auge trübschwarze Bilder tropfen
Den Puls zu Tode klopfen
Gierig an den Haaren zerren
Und Mutmaßungen plerren
Bis man beginnt, sich um sich selbst
Zu drehen –
Stehen. Bleiben

Die Hände hack ich ab mit bunten Quasten
Damit sie nicht nach Dummheit tasten
Und lächelnd zur Grimasse aufgetragen
Versteck ich all die Fragen
Für acht Sekunden nur
So kurz –
So ewig. Bleiben

Die Gedanken sind Hai (Ein Traum)

schreibchenweise

Den Kopf im Kissen, den Körper im Schlaf. Ich beobachtete. Eine Ameise. Sie war winzig klein. Mit dem Finger zerquetschte ich sie auf dem Boden. Einfach so. Nur zum Spaß. Weil ich es konnte. Weil ich es wollte. Ihr Leben – nein ihr Tod – gehörte nun mir. Ich lächelte. Dann stand ich auf und ging und wollte nie wieder einen Gedanken an sie verschwenden.

Jetzt lehne ich auf einer schwarzen Liege, das leichte Summen der Tätowiermaschine säuselt mich in jenen süßlichen Dämmerzustand, der einen unschuldigen Morgen von einer sündigen Nacht trennt. Neonlicht meiner Gedanken flackert über mir. An den Wänden hängen Fotos von Tattoos und ihren Trägern. Dazwischen ein Geweih aus brüchigem Horn. In einem Regal schmiegen sich abgegriffene Buchrücken aneinander, Bildbände von Vögeln, Tigern, Schlangen und Insekten. Ich kneife die Augen zusammen, nicht aus Schmerz. Die Luft ist zu trocken. Auf der Innenseite meines Oberarms lebt nun die Ameise weiter, gefangen in einer Schleife aus Unendlichkeit. Sie ist so klein. Sie läuft im Kreis, immer und immer wieder und findet keinen Ausweg. Nun gehört sie mir endgültig. Mit dem Finger streiche ich über ihren Körper, fahre die Lemniskate entlang. Eine kleine Melodie durchflötet meinen Schädel. Gedankenvögel mit scharfen Zähnen. Erinnerungen und schlechter Geschmack kriechen in mich hinein wie Schlangen mit Metallschuppen. Knorpelfische fletschen ihre Federn. Und der Haifisch, der trägt Kräne. Wenn ich jemanden töten könnte, wie würde das aussehen? Wie würde es schmecken, wie riechen und welche Töne würde es zaubern? Wäre es Melodie oder Tinnitus? Wäre es Lilie oder Stapelia? Würde sich ein Kolibri daran ergötzen oder nur ein Haufen Aasfliegen daran zugrunde gehen?

Ich schließe die Augen und taste mich Stufen hinauf, die mich zu einem Liebherr Kranhaus führen. Kilometer über der Erde sitzend steht jemand tief unter mir. Ein nackter Witz in Gummistiefeln, die sich mit Urin füllen. Grün. Galle. Gülleessenz poröser Eingeweide, gepinkelt aus einem krummen Lurch. Es stinkt zum Himmel, vertreibt die Wolken. Die Sonne bricht hervor und kotzt golden auf das krumme Männchen. Und der Kran, der reißt sein Maul auf, ausgehungert nach Eisensaft. Ich lass ihn walten, sehe mich schalten, Knöpfe drücken, Hebel kippen. Der Krahn senkt den Kopf und beißt sich in dem nackten Männchen fest, hackt, reißt, schmatzt, kaut. Spuckt es molekuliert über den Boden. Mit spitzen Lippen pfeife ich dazu, schnippe lustig mit den Fingern im Rhythmus, ertappe meinen linken Fuß heiter wippend. Welch zauberhafte Melodie! Zu töten klingt so heiter in meinen Ohren – ein Orchester aus Triangeln. Metallisches Gezwitscher. Zuckerguss für meine Hörschnecke. Sahnehäubchen auf meinem Pflaumenstrudel.

Stunden später trocknen Krümel menschlicher Hinterlassenschaften im Wind und ein süßer Orgasmus vertreibt sich die Zeit in meinen Unterleib.

… Ich denke, was ich will und was mich beglücket, doch alles in der Still’ und wie es sich schicket. Mein Wunsch und Begehren kann niemand verwehren, es bleibet dabei: Meine Gedanken sind Hai …

Mundspei Ohrenbrei

Pösie für Lieb & Bösi, schreibchenweise

Stille. Mein größter Wunsch ist Stille. Stattdessen höre ich ungefiltert dieses Gurgeln, Hämmern, Jammern, Murmeln, Quäken, Zischeln, Trommeln, Blubbern, Dröhnen, Bimmeln, Sabbeln, Ächzen, Grunzen, Stöhnen, Röhren, Pfeifen, Kreischen, Niesen, Räuspern, Tribbeln, Ruscheln, Nörgeln, Knirschen, Schlürfen… Großraumanimals auf ihrer Pirsch. Der Tag verschlingt sich selbst und spuckt sich stündlich wieder aus.

Er quillt mir aus den Ohren, dieser Brei aus Lauten, klumpt auf meine Seidenbluse, krustet sich den Rücken entlang zum Steiß, bröckelt träge auf den Boden und bildet eine Lache aus getrocknetem Mundspei bis zum Knöchel. Bitte, ich trage Ledersohlen! Fünfundzwanzigeinhalb Stunden ununterbrochen Erbrochenes. Jeder Ton ein Hackebeil in meinem Kopf. Die Paukenhöhle am Zerbersten. Hammer auf Amboss, Hammer auf Amboss, Hammer auf Amboss. Stereozilien kurz vor der Entwurzelung durch monologische Penetration. Geplärrtes Nasalsputum. Verbales Malträtieren. Gehustete Vergewaltigung.

Sadistische Gedanken manifestieren sich, zucken epileptisch hinter meinen Augen. Ich streife doppelt gummierte Handschuhe in freundlichem Gelb über und reiße Zungen aus Kehlen, stopfe die halbtoten Lappen in die Schlaglöcher dieser Stadt und reite mit Winterbeschlag im Galopp darüber. Vierhufiges Zungenpiercing. Straßenschnitzel. Dann erhebe ich Maulmaut und ahnde jedes Missachten auf Gutdünken. Ein Dezibel zu viel kostet mindestens sieben Finger. Fingerhack als Maßeinheit.  Die Wurstindustrie wird es mir danken. Kinder, esst mehr Finger-Food!

Und plötzlich denke ich, ach, tropfe mir heißes Wachs in die geschändeten Ohren, schiebe mir ein Stück Sonne in den Hintern und grinse. Am Himmel scheint ein Honigkuchen gülden durch die Wolken und in meinen Nebenhöhlen blühen Lilien süßlich vor sich hin. Ach.

Der Tag verschlingt sich selbst
und spuckt sich stündlich wieder aus.
Am Morgen stinkt er grün,
am Abend sieht er wütend aus.
Nach Stunden, die im Rausch ersticken,
ziehen Würmer durch das Hirn.
Die Nacht wird diesen Tag verficken,
dem geifernd Mond biet ich die Stirn.

Ach.